Der Gesang der Untröstlichen
OrlandoAbdellah Taïa | Die Bastion der Tränen | Orlanda Verlag | 188 Seiten | 22 EUR
Der marokkanische Autor, Journalist und Regisseur Taïa gehört seit Jahren zu den wichtigsten Stimmen der frankophonen Gegenwartsliteratur. Seine Romane kreisen immer wieder um Exil, Armut, Homosexualität, familiäre Bindungen und gesellschaftliche Normen. Sein öffentliches Outing ist umso bemerkenswerter, als Homosexualität in Marokko nach Artikel 489 des Strafgesetzbuches verboten ist. In Die Bastion der Tränen verdichtet Taïa diese Themen zu einem ebenso schmerzhaften wie poetischen Roman, der weniger durch äußere Handlung als durch emotionale Wucht wirkt. Der Roman stand 2024 auf der Shortlist des Prix Goncourt, wurde mehrfach ausgezeichnet und ist nun auch ins Deutsche übersetzt worden.
Im Zentrum steht Youssef, ein schwuler Lehrer, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebt und nach dem Tod seiner Mutter in seine Heimatstadt Salé in Marokko zurückkehrt. Offiziell geht es um eine Erbschaftsangelegenheit; tatsächlich aber führt die Reise tief hinein in verdrängte Erinnerungen. Die Straßen der Kindheit, die Enge der Familie, die Nähe zu den sechs älteren Schwestern und die traumatischen Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt steigen wieder auf. Besonders die Erinnerung an Najib, Jugendfreund und erste große Liebe, verfolgt Youssef mit zerstörerischer Intensität.
Wie einst schon Albert Camus in seinem berühmten Kultroman Der Fremde („Heute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“) beginnt auch Taïa seinen Roman unmittelbar mit der Nachricht vom Tod der Mutter:
„Meine Schwestern hatten drei Tage Zeit, die Schulden unserer verstorbenen Mutter Malika zu bezahlen.
Keinen Tag mehr.
Sie sagten, das würde die marokkanische Tradition verlangen.“
Während Camus mit seinem berühmten Anfangssatz das Empfinden des Absurden und die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen etabliert, erscheinen gerade solche überkommenen Konventionen bei Taïa als prägende Kraft der marokkanischen Gesellschaft.
„Die Leute waren sehr überrascht und zugleich sehr berührt von dem, was meine Schwestern da taten.
Sie begriffen, dass die Schwestern auf einer Mission zur Bewahrung der Ehre ihrer Mutter waren
– 'für die ewige Ruhe ihrer Mutter'."
Taïa erzählt die Geschichte seines Protagonisten nicht linear. Erinnerungsschichten überlagern sich, Stimmen brechen plötzlich ab, Szenen wirken manchmal eher wie Fieberbilder als klassische Romanpassagen. Gerade dadurch entsteht jedoch eine eigentümliche Nähe zum inneren Zustand der Figur. Youssef bewegt sich durch Salé wie ein Gespenst seiner selbst. Die Stadt ist dabei weit mehr als bloße Kulisse: Sie wird zum eigentlichen Zentrum des Romans. Salé erscheint als Ort der Widersprüche – voller Schönheit, aber auch geprägt von Armut, religiöser Strenge, latenter Gewalt und offen zutage tretendem Missbrauch. In einer französischen Besprechung wurde die Stadt treffend als „lebendig und schrecklich zugleich“ beschrieben.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Taïa persönliche und historische Traumata miteinander verbindet. Die titelgebende „Bastion der Tränen“ verweist auf die alte Festungsanlage von Salé und auf eine historische Erinnerung an Verlust, Verschleppung und kollektive Trauer. Diese Geschichte spiegelt sich im Leben der Figuren wider: Auch sie leben mit Abwesenheiten, mit Scham und mit nicht heilenden Wunden. Der Roman fragt immer wieder, ob Versöhnung überhaupt möglich ist – oder ob Schmerz zwangsläufig in Selbstzerstörung und Rache umschlägt.
Formal lebt das Buch von Taïas unverwechselbarer Sprache. Sie ist gleichzeitig schlicht und hochpoetisch. Viele Sätze wirken wie aus einem inneren Monolog gerissen: kurz, rhythmisch, fast beschwörend. Dann wieder öffnet sich der Text in lyrische Passagen von großer Schönheit. Gerade darin liegt die Stärke des Romans. Taïa erklärt wenig; er tastet sich vielmehr an Gefühle heran, die sich rational kaum ordnen lassen: Sehnsucht, Erniedrigung, Begehren, Scham und Zärtlichkeit existieren gleichzeitig nebeneinander.
Bemerkenswert ist zudem die Darstellung der Frauenfiguren. Die Schwestern Youssefs sind keine Randgestalten, sondern emotionale Anker des Romans. Sie verkörpern Solidarität und Härte zugleich, sind Opfer patriarchaler Strukturen und gleichzeitig Überlebenskünstlerinnen. In den Szenen der gemeinsamen Kindheit erreicht der Roman seine größte Wärme. Gerade diese Momente verhindern, dass das Buch in reiner Hoffnungslosigkeit versinkt.
Allerdings verlangt Die Bastion der Tränen seinen Leserinnen und Lesern einiges ab. Wer eine klare Handlung oder psychologisch sauber erklärte Entwicklungen erwartet, dem könnte die fragmentarische Struktur schnell widerstreben. Manche Passagen wirken bewusst repetitiv; Erinnerungen kehren in Variationen zurück, als könne die Sprache selbst die Traumata nicht überwinden. Doch genau darin liegt vermutlich die literarische Konsequenz dieses Romans: Schmerz lässt sich nicht ordentlich erzählen.
So entsteht ein Buch, das weniger gelesen als durchlebt wird. Taïa schreibt über Homosexualität im marokkanischen Kontext, über Exil und soziale Gewalt, ohne je in soziologische Erklärungsmuster zu verfallen. Statt Thesen zu formulieren, konzentriert er sich ganz auf verletzte Körper und fragile Beziehungen. Das macht den Roman so intensiv.
Die Bastion der Tränen ist deshalb kein einfacher, aber ein wichtiger Roman. Er verbindet autobiografische Nähe mit literarischer Verdichtung und entwickelt daraus eine melancholische Elegie über Herkunft, Scham und die Unmöglichkeit, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. Am Ende bleibt vor allem das Bild einer Figur, die zwischen Vergebung und Zorn schwankt – und einer Stadt, deren Wunden ebenso tief sind wie die ihrer Bewohner.
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