„Das Leben ist schon schwer genug.“
Ahmed Abdel Moneim Ramadan (geb. 1985) ist ein ägyptischer Romanautor und Kurzgeschichtenschreiber, der seit 2007 seine Werke in Zeitungen und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Bis heute hat er sechs Kurzgeschichtensammlungen und zwei Romane herausgebracht. Das Feuer von Kairo, das im Interview besprochen und auf unserer Website veröffentlicht wurde, stammt aus seiner Sammlung Cats Howl and Dogs Meow, die 2024 mit dem Edwar Al Kharrat Prize ausgezeichnet wurde.
Das Interview wurde auf einem Hotelbalkon in Kairo mit Blick auf den Nil geführt.
Dar El ShoroukAhmed Abdel Moneim Ramadan | Cats Howl and Dogs Meow | Dar El Shorouk | 2023
Axel Timo Purr: Ich habe die Woche über das Cairo International Film Festival besucht und mir u.a. den ägyptischen Film Complaint No. 713317 angesehen. Obwohl es sich scheinbar um eine leichte Komödie handelt, verrät sie dennoch viel über den gegenwärtigen Zustand Ägyptens. Ich habe mich gefragt, ob das nicht nur für Filme gilt, sondern auch für die zeitgenössische ägyptische Literatur. Zum Beispiel handelt deine Geschichte Das Feuer von Kairo, die wir im letzten Januar veröffentlicht haben, von einem Mann, der nachts unterwegs ist und auf einen Affen trifft, der offenbar nach einer Frau sucht, während im Hintergrund immer wieder Feuer zu sehen ist. Ich habe mich gefragt: Ist das in irgendeiner Weise politisch – zumal du auch Demonstrationen erwähnst – oder ist es in erster Linie der Versuch, einen absurden Moment einzufangen?
Ahmed Abdel Moneim Ramadan: In erster Linie ist es der absurde Moment. Er spiegelt das höchst seltsame und absurde Leben wider, das wir führen – nicht nur in Kairo und Ägypten, sondern überall. Natürlich hat jede Art von Literatur ihren Hintergrund. Dieser kann politischer oder sozialer Natur sein oder durch alltägliche Realitäten geprägt sein. Meine Geschichten sind nicht direkt politisch, aber Politik und soziale Verhältnisse spielen subtil unweigerlich eine Rolle und prägen meine Perspektive. Die absurden Szenen selbst sind natürlich von den sozioökonomischen und politischen Realitäten beeinflusst, in denen wir leben, auch wenn sie nicht explizit angesprochen werden.
Als ich den oben erwähnten Film sah, musste ich sofort an deine Geschichte denken. Dort ist es ein Kühlschrank, in deiner Geschichte ist es ein Affe, die zentrale Anker der Erzählung sind. In beiden Fällen ist es absurd, lustig und traurig zugleich.
Wären die Künste völlig losgelöst von diesen Fragen, würde sich das seltsam anfühlen. Wir werden unweigerlich von unserer Realität beeinflusst und versuchen, unsere Anliegen durch verschiedene Formen zum Ausdruck zu bringen – manchmal durch komödiantische Anteile, wie in dem von dir erwähnten Film, oder durch Ausflüge in die Fantasie in Romanen und Kurzgeschichten. Diese Art von Fantasie, die ich meine, ist allerdings nicht weit von der Realität entfernt, sondern spiegelt sie im Gegenteil wider. Sie fungiert gewissermaßen als Zerrspiegel.
Es liegt schon lange zurück, dass ich einen ägyptischen Schriftsteller interviewt habe, soweit ich mich erinnere, war das noch während der Mubarak-Ära, als ich Alaa Al Aswany traf. Damals wirkte alles, was er über die Literaturszene Ägyptens erzählte, zutiefst politisch. Wenn du jetzt auf die Zeit von Mubarak bis heute zurückblickst, was sind deiner Meinung nach die größten Veränderungen in der ägyptischen Literatur?
Die Literatur und das kulturelle Leben in Ägypten haben in den letzten zwanzig Jahren mehrere bedeutende Veränderungen durchlaufen. Eine wesentliche Veränderung fand Anfang der 2000er Jahre während der Ära Mubarak statt. Es wurden neue Verlage gegründet und die literarische Landschaft veränderte sich.
In den 1970er, 80er und 90er Jahren gab es relativ wenige Verlage und nur begrenzte Möglichkeiten für Schriftsteller, ihre Werke zu veröffentlichen. Dies änderte sich in den 2000er Jahren dramatisch. Schriftsteller wie Alaa Al Aswany, Ahmad Al-Aidi und andere erreichten plötzlich ein großes Publikum, und es entstanden viele kleine Verlage.
Es gab Jahre in diesem Zeitraum, da wurden in Ägypten zwischen 200 und 400 Romane und Kurzgeschichtensammlungen pro Jahr veröffentlicht – ein bemerkenswerter Anstieg. In den letzten Jahren der Herrschaft Mubaraks war politische Literatur besonders beliebt und sehr weit verbreitet. Dies setzte sich auch nach der Revolution von 2011 noch mehrere Jahre fort.
Vor etwa einem Jahrzehnt kam es dann zu einer weiteren Veränderung. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Vielleicht waren die Leser nach den radikalen Umwälzungen des politischen Diskurses der Sache überdrüssig geworden, vielleicht aber fiel es den Schriftstellern selbst zunehmend schwer, offen und klar zu sagen, was sie eigentlich sagen wollten.
Es gab also mehrere Phasen des Wandels. Dominiert die eskapistische Literatur heutzutage in Ägypten? In Deutschland beispielsweise behaupten viele Verleger, dass die sogenannte hohe Literatur mehr und mehr verschwindet, während New Romance, Black Romance und Young Adult Oberhand gewinnen, weil sie äußerst profitabel sind.
In Ägypten – und vielleicht auch in der arabischen Welt im Allgemeinen – ist die Leserschaft klar geteilt. Es gibt eine große Gruppe von Lesern, die sich ausschließlich für Bestseller interessieren: Liebesromane, Thriller, Horrorromane. Diese Genres verkaufen sich gut.
Gleichzeitig gibt es eine kleinere, aber engagierte Leserschaft, die man als intellektuell bezeichnen könnte. Und einige Verlage konzentrieren sich weiterhin auf dieses Publikum. In den letzten Jahren gab es allerdings eine deutliche Hinwendung zu Fantasy, experimentellen Formen und historischen Romanen.
Aber die Teilung bleibt insgesamt bestehen; mit Romanen, die auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet sind, und Romanen, die für intellektuelle Leser und Literaturpreise geschrieben werden.
Würdest du sagen, dass "ernsthafte" Schriftsteller tatsächlich vom Schreiben leben können? Du selbst arbeitest als Arzt. Ist es in Ägypten überhaupt möglich, als Romanautor finanziell zu überleben?
Nein, es ist extrem schwierig – ja eigentlich unmöglich –, allein von der Literatur zu leben. Viele Schriftsteller arbeiten im Journalismus oder als Übersetzer, also in Bereichen, die zumindest mit dem Schreiben zu tun haben. Andere, wie ich, haben ganz andere Berufe. Das Schreiben allein sorgt selten für ein stabiles Einkommen.
Das erinnert mich an Alaa Al Aswany. Selbst nach dem Erfolg von Das Yacoubian-Gebäude arbeitete er weiterhin als Zahnarzt.
Genau. Selbst ein Bestseller ändert nichts an dieser Tatsache. Literaturpreise können helfen, insbesondere die großen aus der Golfregion, aber sie bieten in der Regel nur vorübergehende finanzielle Sicherheit. Man kann sich nicht ein Leben lang auf sie verlassen, und wenn man sich allein darauf konzentriert, Preise zu gewinnen, verliert man seine einzigartige schriftstellerische Persönlichkeit, weil man ja versucht, mit allen Mitteln den Anforderungen der Preise zu genügen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Dr. Gaber Asfour, der 2014 Kulturminister Ägyptens war. Er rief mich einmal wegen eines meiner Romane an, lobte ihn und sagte dann – fast scherzhaft, aber gleichzeitig sehr ernst: „Denken Sie nicht daran, Ihren Beruf als Arzt aufzugeben, es sei denn, Sie gewinnen den Nobelpreis. Wenn Sie den Nobelpreis nicht gewinnen, müssen Sie Ihren Beruf behalten. Es gibt keinen anderen Weg.“
Ich denke, dieser Satz beschreibt die Situation der Schriftsteller in Ägypten ziemlich treffend.
Wie koordinierst du persönlich deine medizinische Karriere und das Schreiben?
Es ist eine echte Herausforderung. Ich versuche, meinen Zeitplan so zu organisieren, dass ich einige freie Tage zum Lesen und Schreiben habe. Natürlich verlangsamt dieses Doppelleben meine literarische Entwicklung, aber ich habe wie jeder Verpflichtungen und kann es mir nicht leisten, meinen Beruf aufzugeben.
Gleichzeitig kann ich nicht aufhören zu schreiben. Ich liebe das Schreiben und fühle mich dazu verpflichtet, Geschichten zu erzählen.
Im August habe ich mit einer Schriftstellerin auf den Philippinen gesprochen, Angeli E. Dumatol, die auch Ärztin ist. Sie sagte, ihre Arbeit als Ärztin biete ihr unerschöpfliches Material für ihr Schreiben. Siehst du das auch so?
In gewisser Weise ja. Ich sehe Menschen in ihren verletzlichsten Momenten, was mir tiefe Einblicke über ihr Innenleben und ihren Umgang mit Leiden gewährt. Das beeinflusst mein Schreiben indirekt.
Allerdings schreibe ich nicht gerne über medizinische Fälle oder Krankheiten an sich und schon gar nicht romantische Arztgeschichten. Der Einfluss ist eher psychologischer als thematischer Natur.
In Deutschland beobachten Seminarlehrer für das Fach Deutsch, dass viele junge Lehrer mit klassischer Literatur, ja nicht einmal mehr mit dem Nachkriegskanon vertraut sind. Wie sieht es denn in Ägypten diesbezüglich aus. Werden Schriftsteller wie Naguib Mahfouz oder Sonallah Ibrahim weiterhin viel gelesen?
Das ist unterschiedlich. Naguib Mahfouz wird nach wie vor viel gelesen, auch von jüngeren Lesern – sicherlich auch wegen des Nobelpreises. Andere große Schriftsteller wie Youssef Idris oder Tawfiq al-Hakim finden weniger Beachtung.
Sonallah Ibrahim ist noch kein „Klassiker“ im traditionellen Sinne; er ist erst kürzlich verstorben, und seine Rezeption mag sich mit der Zeit ändern und seine Literatur in Vergessenheit geraten, was für mich äußerst frustrierend wäre.
Sehen sich arabische Schriftsteller heute in erster Linie als nationale Schriftsteller oder als Teil einer umfassenderen panarabischen Lese- und Schreibkultur?
Ich denke, dass die panarabische Idee, wie sie in den 1950er und 1960er Jahren verstanden wurde, in derselben Form nicht mehr existiert. Die politischen Differenzen zwischen den arabischen Ländern sind deutlicher geworden. In Ägypten argumentieren einige sogar, dass Ägypter keine Araber seien, sondern etwas völlig anderes – eine Idee, die ich entschieden ablehne.
Wir teilen Sprache, Geschichte, kulturelle Hintergründe und viele gemeinsame politische Realitäten. Während eine politische Amalgamierung heute völlig unrealistisch ist, ist die grenzüberschreitende kulturelle und literarische Kommunikation nach wie vor möglich, wichtig und auch unverzichtbar.
Eine etwas leichtere Frage: In Deutschland können starke regionale Dialekte manchmal fast unverständlich für einen Hochsprachler sein. Ist das in der arabischen Welt ähnlich?
Auf jeden Fall. Einige Dialekte sind sehr schwer zu verstehen, insbesondere wenn Arabisch stark mit anderen Sprachen wie Französisch vermischt ist. Ägyptisches Arabisch wird jedoch aufgrund des Kinos und der Medien weitgehend verstanden. Wenn die Kommunikation schwierig wird, wechseln wir einfach zu modernem Standardarabisch.
Hat die westliche Literatur in den letzten Jahrzehnten in Ägypten an Einfluss gewonnen?
Wir werden von westlicher Literatur beeinflusst, keine Frage, oft jedoch nicht von gegenwärtigen Autoren und aktuellen Entwicklungen. Das Hauptproblem ist dabei die Verzögerung durch den Übersetzungsprozess. Bis ein Buch hier bekannt wird, gilt es anderswo möglicherweise bereits als alter Hut.
Da stimme ich zu. Wenn wir beispielsweise den neuesten Roman von Sally Rooney, Intermezzo, rezensieren, ist er in der Regel gleichzeitig ins Spanische, Französische oder Deutsche übersetzt worden – aber eigentlich nie ins Arabische. Das überrascht mich immer wieder, angesichts der großen potenziellen Leserschaft.
In der Tat. Die Übersetzung aktueller Bücher erfolgt nur äußerst langsam; Nobelpreisträger sind uns manchmal erst bekannt, wenn sie den Preis erhalten haben.
Allerdings werden klassische Werke der westlichen Literatur – Orwell, Kafka, Camus – sowie lateinamerikanische Literatur – Marquez, Llosa – ständig neu aufgelegt und viel gelesen, auch wenn sie nicht Teil des Lehrplans an öffentlichen Schulen sind. An Privatschulen, wie der, die ich besucht habe, lernen wir englische Literatur, meist Klassiker wie Charles Dickens oder William Shakespeare – aber keine Autoren wie Kafka. Wir sind, wenn auch beschränkt, also durchaus offen für Weltliteratur, weshalb wir auch sehr gerne neue Autoren durch den Nobelpreis oder den International Booker Prize entdecken – vielleicht haben wir ja auch deshalb auch einen dementsprechenden arabischen Preis namens Arab Booker.
Leider findet dieser Preis im Westen kaum Beachtung, obwohl er viele herausragende Romane auszeichnet. Das wirft für mich eine allgemeinere Frage auf: Spiegelt sich angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs in weiten Teilen Nordafrikas – abgesehen von Marokko – diese alltägliche Notlage auch in den Werken der Schriftsteller wider? Ich stelle diese Frage, weil einer unserer indonesischen Autoren, Argus S. Sarjono, einen gegenteiligen Trend beobachtet hat, nämlich dass die Literatur selbst in der Poesie zunehmend eskapistisch wird.
Einige Autoren vermeiden diese Realität gänzlich und flüchten sich sonstwohin, weil das Leben schon schwer genug ist. Andere gehen indirekt darauf ein – durch Fantasie, Ironie oder Allegorie. Selbst wenn es nicht explizit zum Ausdruck kommt, prägt die sozioökonomische Realität das, was wir schreiben.
Abschließend: Wenn du westlichen Lesern drei ägyptische Autoren empfehlen wolltest, wen würdest du wählen?
Ich bewundere Sonallah Ibrahim und sein Werk zutiefst. Yusuf Idris verdient es, von einem breiteren Publikum gelesen und aufmerksamer wahrgenommen zu werden. Und Mohamed Makhzangi ist ein herausragender Kurzgeschichtenautor, dessen Werk ich sehr schätze.
Alles Männer. Was ist mit Schriftstellerinnen? Soweit ich das beurteilen kann, scheint es insbesondere in der Poesie – wir haben kürzlich zwei sehr intensive Gedichte von Alaa Hassanien aus Paris und Aya Gamal Mohey Eldeen aus Ägypten veröffentlicht –, eine starke Bewegung zu geben?
Oh ja, die gibt es, diese Welle von Schriftstellerinnen, und zwar in allen Bereichen der Literatur. Ich würde persönlich die Romanautorin Asmaa El-Sheikh empfehlen, insbesondere ihren Roman „Cellini Caffe”.
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