Radikal, ehrlich, unbestechlich
ReclamGeorge Orwell | Zeilen der Zeit | Reclam Verlag | 267 Seiten | 25 EUR
George Orwell fasziniert und ist aktueller denn je. Farm der Tiere und 1984 sind Klassiker, die noch immer gelesen werden. Genauso interessant sind seine journalistischen Texte. Lutz W. Wolff hat 80 Kolumnen für ein deutschsprachiges Publikum ausgewählt und übersetzt. Im Februar wurden sie bei Reclam unter dem Titel Zeilen der Zeit / Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch veröffentlicht. Die meisten Texte erschienen unter dem Label As I please in der englischen Zeitung „Tribune“, für die George Orwell von Dezember 1943 bis März 1947 sowohl Literaturkritiken als auch Kolumnen schrieb und die die britische Labour Party von links kritisierte. Am 27. Mai brachte Alma Books eine literaturkritische Ausgabe aller As I please-Artikel auf Englisch heraus. Die deutsche Ausgabe und das englische Buch sind inhaltlich nicht identisch, überschneiden sich aber in weiten Teilen.
George Orwell hatte selbst als Mitglied der Independent Labour Party als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg mitgekämpft, bis die Formation, der er sich angeschlossen hatte, auf Druck von Stalin ausgeschaltet wird. Er muss sich Mitte Juni 1937 verstecken, um nicht von Kommunisten verhaftet und womöglich getötet zu werden. Er kann sich über die Grenze nach Frankreich retten, ist aber ab diesem Zeitpunkt von jeder Illusion über das Wesen des Kommunismus in Russland geheilt.
Alma BooksGeorge Orwell | As I Please | Alma Books | 416 Seiten | 12,99 GBP
Dieser klare Blick zieht sich durch viele seiner Kolumnen. Er kritisiert die Linke, wenn sie jede Volte der russischen Propaganda kritiklos nachvollzieht, und zwar bis weit hinein in die intellektuellen Kreise Englands. Orwell ist in seinem Denken und Schreiben nur sich selbst verpflichtet. Materielle Konsequenzen, die aus dieser Haltung folgen, ist er bereit zu tragen. Absolut nicht bereit ist er, seinen kritischen Verstand einer Ideologie zu opfern, wie es damals wie heute immer wieder zu beobachten ist. Es ist frappierend, dass viele Kolumnen nur ein wenig umgeschrieben werden müssten, um sie in aktuelle Beschreibungen unserer heutigen Zeit zu verwandeln.
Besser als der Text auf der Buchrückseite kann ich es auch nicht auf den Punkt bringen: „… zeigen sie einen der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts als hellsichtigen Zeitdiagnostiker. Kompromisslos, menschlich und pointiert schreibt er über Fortschritt, Moral, Verschwörungstheorien, soziale Ungleichheit oder Faschismus. Und wie Orwell politische Manipulation, medialen Alarmismus oder gesellschaftliche Spaltung analysierte, wirkt wie ein erschreckend aktueller Kommentar zur Gegenwart.“
Orwells Interessen und Themenbreite sind außergewöhnlich. Er schreckt vor nichts zurück. Nicht einmal vor der Frage, warum die Menschen eigentlich glauben, dass es moralisch verwerflicher sei, Frauen und Kinder zu töten als junge Männer, die ihren Soldatendienst leisten müssen. Sind die Leben junger Männer weniger wert? Zählt nicht jedes Menschenleben gleich viel?
Nur ein einziger Artikel ist aus heutiger Sicht leicht skurril. Mit großem Eifer setzt er sich für ein Kohlefeuer im Wohnzimmer ein, das er als das schönste Heizungsmittel empfindet, das darüber hinaus auch die Familie zusammenhält. Gleichwohl ist er sich der Gefahren der Kohle durchaus bewusst. Aber die Wärme, um die man sich versammelt und die die Menschen zusammenbringt, wiegt für ihn mehr als die Gefahren für die Gesundheit.
Lutz W. Wolff weist für neugierig gewordene Leser auf eine Biografie über George Orwell hin (wunderbar, prall mit Geschichten gespickt), die 1980 bei Secker & Warburg in London und 1984 auf Deutsch bei Suhrkamp/Insel erschienen und nur noch im Antiquariat erhältlich ist. Ebenso verweist er auf den Erlebnisbericht Down and out in Paris and London (erstmals 1933 erschienen), 1978 wurde er unter dem Titel Erledigt in Paris und London bei Diogenes veröffentlicht. Orwell hatte 1933 wiederholt weder einen Sou noch einen Penny in der Tasche. Das Buch ist heute noch auf Englisch und Deutsch lieferbar. Ich habe vor einem Vierteljahrhundert daraus gelernt, dass man sich, wenn die letzten dunklen Socken, die man besitzt, große Löcher aufweisen, die Füße mit Tinte schwärzt, wenn man sich zu einem Vorstellungsgespräch als Tellerwäscher in einem Pariser Nobelrestaurant auf den Weg macht.
Die Anekdote steht für mich dafür, sich niemals unterkriegen zu lassen, seinen Verstand weder an eine Ideologie noch an die Mächtigen zu verkaufen, sich selbst zu vertrauen und seinen Weg zu gehen, selbst wenn dieser mit Höhen und Tiefen verbunden ist. Das ist und bleibt für mich die Quintessenz dessen, was uns George Orwell mitteilen möchte.
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