Der Mukhtar und ich
Im globalen Norden ist Sommer, im globalen Süden Winter. Grund genug, im August auf Literatur.Review Sommer und Winter zusammenzubringen und bisher unübersetzte oder unveröffentlichte Geschichten aus dem Norden und Süden unserer Welt zu veröffentlichen.
Michel S. Moushabeck ist Schriftsteller, Redakteur, Übersetzer, Verleger und Musiker palästinensischer Herkunft. Er gründete Interlink Publishing und schreibt regelmäßig Beiträge für Truthout und die Massachusetts Review. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter Kilimanjaro: A Photographic Journey to the Roof of Africa. Im Jahr 2024 erhielt er den Arab American of the Year Award. Außerdem gründete er das Layaali Arabic Music Ensemble und ist Mitglied des Kuratoriums des International Prize for Arabic Fiction.
An dem Morgen, als mein Großvater und ich gemeinsam spazieren gingen – nachdem wir uns an einem Frühstück aus Ka’ak (übergroßen Sesamkringeln) und bayd hammeem (im Ofen gebackenen Eiern) satt gegessen hatten, die meine Großmutter bei einem Straßenhändler gekauft hatte, indem sie laut nach ihm rief und einen an einem Seil befestigten Korb aus dem Erkerfenster des Esszimmers hinunterließ, das auf den Markt im christlichen Viertel hinausging –, wandte er sich mir zu und sagte: „Heute darfst du den Tag mit Sido (Großvater) verbringen; jetzt bist du alt genug, um mir im qahwe (Café) zu helfen.“
Es war das Jahr 1966, und ich war gerade einmal elf Jahre alt. Wir lebten in Beirut. Oft nahm mich meine Mutter im Sommer zusammen mit meinem jüngeren Bruder und meiner Schwester mit, um Tata (Großmutter) und Sido in der Altstadt von Jerusalem zu besuchen. Es waren Sommerferien, gegen die ich mich oft sträubte, denn ich verbrachte meine Zeit lieber mit meinen besten Freunden Mounir und Imad am Strand von Beirut, als meinen Großvater zu besuchen – einen streng dreinblickenden, Tarboosh- (Fez), za’oot- (Schnupftabak) schnupfenden, Nargileh*-rauchenden Mann mit mächtigem Schnurrbart, der für mich eher wie ein osmanischer Pascha als wie ein Großvater aussah; einen Mann, den offenbar fast jeder in seiner Umgebung fürchtete (zumindest nahm ich das damals so wahr), jemanden, der nie das geringste Interesse an mir gezeigt oder mir auch nur einen Funken Zuneigung entgegengebracht hatte.
Ich fürchtete mich nicht nur vor meinem Großvater – der Anblick all der hässlichen, bärtigen Mönche, die das griechisch-orthodoxe Kloster bevölkerten, in dem meine Großeltern lebten, nachdem sie aus ihrem Haus im Katamon-Viertel vertrieben worden waren, versetzte mich geradezu in Angst und Schrecken. Der berauschende Geruch von Weihrauch und brennenden Kerzen, die düsteren, engen, kopfsteingepflasterten Gassen des Klostergeländes, die in Roben gehüllten Priester, die durch die Dunkelheit schritten (sie jagten mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken, wenn sie mir in die Augen blickten und „kalimera“ oder „kalispera“ flüsterten – damals wusste ich noch nicht, dass das auf Griechisch „Guten Morgen“ beziehungsweise „Guten Abend“ bedeutet) – all das verstärkte ein Gefühl von Angst und Unbehagen, auf das ich gut hätte verzichten können.*
*Nargileh, auch häufig als Narghile oder Nargile geschrieben, ist der traditionelle Begriff im Nahen Osten für eine Wasserpfeife, die zum Rauchen von aromatisiertem Tabak verwendet wird.
Mein Großvater Issa Toubbeh, den alle als Abu Michel (Vater von Michael) kannten, war der Mukhtar (wörtlich: der Auserwählte), das Oberhaupt der arabisch-orthodoxen christlichen Gemeinde Jerusalems, der er mehr als fünfzig Jahre lang pflichtbewusst diente – so wie vor ihm bereits sein Vater und nach ihm sein ältester Sohn. Als Mukhtar stand ihm eine Wohnung innerhalb des Klosters zu. Sie bestand aus mehreren großen Räumen mit hohen Decken und grenzte unmittelbar an die Mauern von Mar Ya’coub (der orthodoxen St.-Jakobs-Kirche) und der Grabeskirche auf dem Klostergelände. Zwei Reihen duftender Topfpflanzen und Blumen, darunter Gardenien und Jasmin, die meine Großmutter Tata Maria mit liebevoller Hingabe pflegte, säumten den Eingang des Hauses und bildeten einen willkommenen Gegenpol zu den aufdringlichen, allgegenwärtigen heiligen Düften (zumindest aus der Sicht eines Kindes), die einen auf dem Weg dorthin begleiteten.
Vom Dach aus – unserem improvisierten Spielplatz, auf dem meine Cousins und ich unzählige Stunden verbrachten – bot sich ein überwältigender Blick auf den Ölberg, den Felsendom, die al-Aqsa-Moschee und die Grabeskirche. Jedes Mal, wenn ich den Blick in die Ferne schweifen ließ, verschlug mir dieses Panorama aufs Neue den Atem.
*Katamon ist ein Stadtteil im Süden von Zentral-Jerusalem
Alle sprachen voller Bewunderung von meinem Großvater, dem Mukhtar, und seiner bedeutenden Rolle in der palästinensischen Gesellschaft. Abu Michel war ein überaus gebildeter Mann und genoss überall Aufmerksamkeit und Respekt. Er sprach fließend Arabisch, Türkisch, Griechisch, Armenisch und Russisch. Und er konnte sogar auf Englisch fluchen – noch dazu mit vornehmem britischem Akzent –, eine Fähigkeit, die er sich bei seinen zahlreichen Begegnungen mit den „verfluchten“ Briten vor deren Abzug aus Palästina im Jahr 1948 angeeignet hatte. Er hatte die Herrschaft der Osmanen, der Briten, des haschemitischen Transjordaniens und schließlich des jüdischen Staates überdauert und galt als kluger, äußerst erfahrener Problemlöser – eine unverzichtbare Voraussetzung für das Amt des Mukhtar. Sein Ruf als erfolgreicher Vermittler reichte weit über die arabisch-orthodoxe Gemeinde hinaus, und seine Dienste waren ebenso bei Muslimen wie bei Juden in Jerusalem gefragt.
„Misshandelte Frauen flüchteten zu uns nach Hause und suchten Schutz, während ihre Peiniger geduldig draußen auf die Ankunft meines Vaters, des Vermittlers, warteten“, erzählte mir mein Onkel Jamil einmal. Man sagte sogar, dass jeder Antrag auf die Hand einer jungen Frau Erfolg hatte, wenn mein Großvater die Delegation begleitete, die um ihre Hand anhielt.
So wichtig war mein Großvater, der Mukhtar. Doch ganz gleich, was die Leute über ihn erzählten, ganz gleich, wie sehr seine Stellung in der Gesellschaft gerühmt wurde – mich beeindruckte das kaum. Meine ältere Cousine Basima kam einmal ganz aufgeregt zu mir und erzählte, sie habe Sidos Foto in der Zeitung gesehen, wie er am Ostersonntag an der Spitze der Prozession neben dem griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem ging. Na und?, dachte ich. Meine Tante Widad, die liebenswürdigste meiner sechs Tanten, erzählte stolz, dass in unserer Gemeinde keine Ehe ohne den offiziellen Stempel des Mukhtar auf der Heiratsurkunde geschlossen werden könne, keine Geburt ohne sein Siegel rechtsgültig sei, keine Scheidung ohne seinen Rat vollzogen und kein Todesfall ohne seine Anwesenheit beurkundet werde.
Je mehr Geschichten ich über ihn hörte, desto weniger Zuneigung empfand ich für ihn. Da war ein Mann, sagte ich mir, der in der ganzen Stadt Gutes tat, mir aber nie ein freundliches Wort gesagt hatte, geschweige denn mich einmal wie ein Großvater in den Arm genommen hätte. Ich war ratlos. Wie konnte ein Mensch so viel Macht über eine ganze Gemeinschaft besitzen? Immer neue Fragen schossen mir durch den Kopf: Musste ich wirklich erst seine Zustimmung einholen, bevor ich heiraten durfte? Würde er sich mir in den Weg stellen, wenn ich eines Tages die Bauchtänzerin heiraten wollte, die ich einen Monat zuvor in einem Restaurant in Beirut gesehen hatte? Musste ich dafür etwa das runde Messingsiegel mit der arabischen Kalligraphie stehlen, das angekettet an seiner Weste hing?
Die Seite, die ich von Sido kannte, stand in scharfem Kontrast zu seinem Ruf in der Stadt. Die Beschimpfungen, mit denen er meine Tanten oft überzog (wohlgemerkt: niemals meine Onkel), waren schockierend. Besonders verstörte mich der Tag, an dem er meine Mutter anschrie, weil sie es gewagt hatte, sich in seiner Gegenwart eine Zigarette anzuzünden, und sich anschließend mehrere Tage lang weigerte, mit ihr zu sprechen. Auch die Art, wie er meine Tata (die freundlichste Großmutter der Welt) behandelte, war schmerzhaft mitanzusehen – vor allem das allabendliche Ritual, bei dem sie ihm nach der Arbeit Schuhe und Socken auszog und ihm stundenlang die Füße in einer Schüssel mit heißem Wasser massierte. Als wären ihre Tage im Vergleich zu den seinen leicht gewesen, beklagte ich mich oft bei meiner Mutter. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie mich eines Tages ausschimpfte, weil ich gefragt hatte, warum er ihr nicht wenigstens gelegentlich die Füße massierte – als kleine Gegenleistung dafür, dass er sie mit dreizehn Jahren aus ihrer Familie geholt und sie zehnmal geschwängert hatte (von den zahlreichen Fehlgeburten ganz zu schweigen), ohne ihr zwischendurch jemals eine Pause zu gönnen.
Die Zeit, die ich mit meiner Großmutter verbrachte und dabei zusah, wie sie den ganzen Tag im Haus schuftete, erfüllte mich mit wachsendem Groll gegenüber meinem Großvater. Vielleicht empfand ich das so, weil ich im kosmopolitischen Beirut aufgewachsen war. Oder weil ich meinen Vater nie erlebt hatte, wie er meine Mutter auf diese Weise behandelte. Ich war noch zu jung, um zu verstehen, welchen Einfluss Traditionen auf sein Denken und Handeln hatten, zu naiv, um zu begreifen, wie tief manche Menschen in überlieferten Rollenbildern verwurzelt sein können.
Doch trotz allem war ich nicht zu jung, um zu erkennen, dass es auch seine Vorteile hatte, „der Enkel des Mukhtar“ zu sein. Und ich muss beschämt gestehen, dass ich sie weidlich ausnutzte. Ich hatte nicht vor, mir von diesen kurzen, unerquicklicheren Familienszenen die Sommerferien in Jerusalem verderben zu lassen. Jeder in der Gemeinde kannte den Mukhtar, und schon kurz nach meiner Ankunft hörte ich überall: „Ach, du bist also der Enkel des Mukhtar.“ Der Gemüsehändler schenkte mir zuckerglasierte Kichererbsen, der Saftverkäufer ein Glas Limonade. Ich bekam Eis umsonst, Falafel-Sandwiches umsonst, Fahrräder umsonst, Olivenholzkreuze umsonst (die ich ein paar Straßen weiter gewinnbringend an Touristen verkaufte) und – das Beste von allem – kostenlose Eselritte. Die Verbindung zum Mukhtar öffnete mir so viele Türen, dass sich die Altstadt bald in einen einzigen großen Vergnügungspark verwandelte. Meine Tage verbrachte ich damit, durch die Gassen zu streifen, von Viertel zu Viertel zu ziehen, mit Hassan und Ahmad im Hof der al-Aqsa-Moschee herumzuhängen, während sie auf ihren Vater warteten, der aus dem Freitagsgebet kam, mit Charlie und George, den Söhnen eines Souvenirhändlers, rund um die Grabeskirche zu spielen oder den miniberockten ajnabiyyat (ausländischen Frauen) nachzuschauen. Einige von ihnen waren durchaus hübsch, fand ich – doch keine konnte es mit der dunkelhaarigen Bauchtänzerin aufnehmen, der Liebe meines Lebens.
Ich durfte mich in der Altstadt frei bewegen – schließlich war ich der Enkel des Mukhtar, und die ganze Gemeinde achtete auf mich (genauer gesagt: Sie fühlte sich für meine Sicherheit verantwortlich). Es gab nur eine einzige Bedingung: Ich musste vor acht Uhr abends wieder am Kloster sein, bevor die kleine, mit Eisennieten beschlagene Tür geschlossen wurde, die unten in das riesige eiserne Tor eingelassen war, das die Festung des griechisch-orthodoxen Klosters sicherte. Meine Mutter erinnerte mich ständig daran, rechtzeitig zurückzukehren, und normalerweise machte ich mich früh genug auf den Heimweg. Nur ein einziges Mal nicht.
Es war ein Sonntagabend, und ich hatte so viel Spaß daran, mit Salim Drachen steigen zu lassen, dass ich völlig die Zeit vergaß. Als ich das Kloster erreichte, war die gefürchtete Metalltür bereits verschlossen. Diese Lektion sollte ich so schnell nicht vergessen. Die Straße war fast menschenleer, und das laute Echo vereinzelter eiliger Schritte auf dem Kopfsteinpflaster machte mir eher noch mehr Angst. Allein stand ich vor dem Klostertor und weinte, was mir wie eine Ewigkeit vorkam (obwohl es kaum mehr als zehn Minuten gewesen sein dürften), bis eine freundliche, elegant gekleidete Dame auf mich zukam und die magischen Worte sagte: „Du musst der Enkel des Mukhtar sein.“ Sie nahm sanft meine Hand und ließ mich den Kopf an ihre Brust lehnen (später dachte ich sogar daran, sie zu heiraten), bis jemand den Mönch im Kloster verständigte, der höchst unwillig erschien und die Tür öffnete. Nachdem ich mich bedankt und mich von meiner Retterin verabschiedet hatte, warf der Mönch mit den fast fußlangen Schlüsseln an seinem Gürtel die quietschende Metalltür hinter uns wieder zu. Ich rannte sofort nach Hause und ignorierte dabei vollkommen die wütenden griechischen Worte, die er mir hinterherrief.
Der „Spaziergang“ mit meinem Großvater fand am Morgen nach diesem Vorfall statt. Ich hatte regelrecht Angst davor. Jetzt kommt die Standpauke, sagte ich mir – zumal er am Abend zuvor kein einziges Wort über den Vorfall verloren hatte. Doch zu meiner Überraschung erwähnte er ihn mit keinem Wort. Stattdessen streckte er mir die Hand entgegen und sah mich warm und liebevoll an – etwas, das ich von ihm überhaupt nicht kannte. Als wir an dem finster dreinblickenden Mönch am Eingang des Klosters vorbeikamen, dessen Gebete ich am Abend zuvor gestört hatte, blickte Sido mich an, zwinkerte mir zu und lächelte. So begann ein Tag, den ich bis heute in Erinnerung behalten habe und den ich für immer in meinem Herzen tragen werde.
*Dabke ist ein traditioneller arabischer Kreis- und Reihentanz der Levante.
Als Erstes stand ein Besuch beim Batrak auf dem Programm, dem ehrwürdigen Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche von Jerusalem – eine ganz besondere Ehre und ein Privileg, das nur wenigen Menschen zuteilwerde, erklärte mir Sido. Ich sei schließlich nicht nur etwas Besonderes, sondern auch der älteste Sohn seiner jüngsten Tochter, fügte er hinzu (auf so eine Begründung konnte wohl nur ein echter Charmeur kommen).
Unsere Audienz beim Batrak dauerte nur wenige Minuten. Ich erinnere mich noch, wie überwältigt ich von der Pracht seiner Gemächer war, hatte aber kaum Zeit, mich umzusehen. Eigentlich blieb mir nur der lange Stab mit dem runden goldenen Knauf in Erinnerung, den der Batrak in der rechten Hand hielt. Wenig begeistert war ich davon, die Hand des runzligen alten Mannes küssen zu müssen – und dann gleich zweimal: einmal zur Begrüßung und ein zweites Mal, nachdem er mir eine goldene Kette mit einem schwarz-goldenen Kreuz um den Hals gelegt hatte.
Dieses Geschenk sei etwas ganz Besonderes und werde mich künftig vor allem Unheil bewahren, flüsterte Sido mir leise ins Ohr, denn im Inneren des Kreuzes befinde sich ein Holzsplitter, der direkt vom Kreuz Jesu Christi stamme. (Diese äußerst wertvolle Information erwies sich später als ausgesprochen nützlich, als ich das Kreuz meinem libanesisch-maronitischen Mitschüler verkaufte. Er bezahlte mir den dringend benötigten Betrag in libanesischen Pfund, den ich bei nächster Gelegenheit über die Liebe meines Lebens – die Bauchtänzerin – regnen lassen konnte.)
*Oum Kulthoum war eine ägyptische Sängerin und Musikerin.
Meine Erinnerungen an diesen Tag sind bis heute so lebendig und strahlend wie eine Silbermünze in der Sonne. Sido und ich gingen Hand in Hand durch die Straßen Jerusalems und blieben alle paar Schritte stehen, um Menschen zu begrüßen, die er kannte – und solche, die ihn kannten. Unterwegs kamen wir durch den Markt, ein geschäftiges Labyrinth aus farbenfrohen Obst- und Gemüseständen. Sofort spürte ich die musikalische Energie, die von diesem Ort und seinen Menschen ausging. Musik war überall: vom unvergesslichen, melodiösen Ruf des Muezzins zum Gebet, der sich oft mit dem Läuten der Kirchenglocken vermischte, bis zu den Obst- und Gemüsehändlern, die singend die Vorzüge ihrer Einlegegurken (kaum größer als Babyfinger) oder ihrer Kaktusfeigen priesen, so köstlich, dass sie auf der Zunge zergingen; von den fröhlich stampfenden Schritten der Kinder, die Dabke tanzten, bis zu den kraftvollen, gefühlvollen Liedern Oum Kulthoums*, die aus den Transistorradios auf den Fensterbänken klangen.
Bis heute brauche ich nur die Augen zu schließen, um mich in jene Tage in Jerusalem zurückzuversetzen. Ich rieche noch immer die Köstlichkeiten der Straßenhändler, vor allem den betörenden Duft gerösteter Kastanien und natürlich die üppigen, in ’ater (Zuckersirup) getränkten Süßigkeiten von Zalatimo’s. Ich sehe noch immer den alten Straßenfotografen mit seiner Holzkamera, dessen Kopf regelmäßig unter einem schwarzen Tuch verschwand. Und ich kann noch heute die Olivenölseifen berühren, die im Eckladen zu hohen, zylindrischen Türmen aufgestapelt waren.
*Sous ist ein traditionelles Getränk aus Süßholzwurzel, das in Ägypten und den Ländern der Levante getrunken wird
Doch am meisten faszinierte mich der Saftverkäufer – der eine Mensch, der mich nachhaltig prägen sollte. Mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper zog er von Viertel zu Viertel, den bordeauxroten Fez mit den schwarzen Quasten lässig in den Nacken geschoben. Auf dem Rücken trug er einen großen Behälter voller Sous*, Jellab* und Limonade. Vor allem aber war er ein Percussionist ersten Ranges. Ich war wie gebannt davon, wie er seine Ankunft ankündigte und mit Messingbechern und -untertassen kunstvolle, komplizierte Rhythmen spielte – um seine Kunden zu unterhalten und zugleich auf sich aufmerksam zu machen. Es waren Rhythmen, die jenen verblüffend ähnelten, zu denen die Bauchtänzerin im Restaurant in Beirut ihre Hüften schwingen ließ.
Von diesem Augenblick an war es um mich geschehen. Ich saß auf dem Bürgersteig und starrte gebannt auf die Hände des Saftverkäufers, um seine Kunst zu erlernen. Wieder zu Hause ahmte ich die gleichen Rhythmen mit dem Porzellan meiner Großmutter nach – sehr zu ihrem Entsetzen. Das endete, wenig überraschend, in einem kleinen Scherbenhaufen und einer ordentlichen Tracht Prügel. So begann meine lebenslange Leidenschaft für arabische Musik und ihre Rhythmen.
*Jallab ist ein traditionelles Getränk aus dem Nahen Osten. Heute wird es aus Datteln, Traubensirup und Rosenwasser hergestellt; ursprünglich wurde Johannisbrot verwendet.
Unmittelbar neben dem Jaffa-Tor lag das alteingesessene Café meines Großvaters. Familie und Freunde nannten es al-Mahal („Der Ort“), andere kannten es als Qahwet Abu Michel („Café des Vaters von Michael“) oder als Qahwet al-Mukhtar. In seiner Blütezeit war das Café eine weithin bekannte Jerusalemer Institution und ein Treffpunkt palästinensischer Literaten, die unter dem Namen al-sa’aleek („die Vagabunden“) bekannt waren.
Wie mein Onkel Jamil erzählte, war es der palästinensische Schriftsteller und Pädagoge Khalil Sakakini, der jener Gruppe von Intellektuellen, die sich im al-Mahal trafen, den Namen sa’aleek gab. Zu ihnen gehörten Yusef el-Issa, Herausgeber und Redakteur der Tageszeitung Alef Ba, und Issa el-Issa, Herausgeber und Redakteur der Tageszeitung Filistine, ebenso wie Anistas Hanania, Adel Jaber, Ahmad Zaki Pasha, Khalil Mutran, Yacoub Farraj und andere.
Dichter, Musiker, Historiker und Geschichtenerzähler kamen im Café des Mukhtar zusammen, ebenso Menschen, die sich gern in ihrer Gesellschaft zeigten, junge Palästinenser, die ihnen nacheiferten, und all jene, die einfach nur dem Austausch ihrer Gedanken lauschen wollten.
*Mezze sind traditionelle, kleine Vorspeisen aus dem Orient und dem Mittelmeerraum.
Als mein Großvater und ich vom Markt kamen, herrschte im Café reger Betrieb. Mein Onkel Mitri begrüßte uns an der Tür und küsste mich auf beide Wangen, bevor er hinter die Theke zurückkehrte, um für einen Gast eine Portion Mezze* zuzubereiten. Ich wurde sofort eingespannt: Gurken schneiden, Petersilie hacken und Teller mit Oliven und eingelegten Rüben für den Mittagsandrang anrichten.
Auf fast jedem Tisch standen Arak – ein mit Anis aromatisierter Branntwein aus Trauben – und eine Nargileh, was zu der lebhaften, wenn auch reichlich verrauchten Atmosphäre des Lokals beitrug. Etwa eine Stunde lang trug Sido Geburten, Todesfälle und Eheschließungen in sein übergroßes, in Leder gebundenes Buch ein, erteilte zwischendurch Ratschläge und versah amtliche Dokumente mit seinem Siegel.
Als er damit fertig war, gab er mir mit seinem Spazierstock ein Zeichen, ihm in den Hinterhof des Cafés zu folgen. Dort erstreckte sich eine große gepflasterte Fläche, an beiden Seiten von Pflanzenreihen gesäumt. In der Mitte stand ein runder, gekachelter Brunnen, umgeben von Tischen und Stühlen; dahinter befand sich ein riesiger Käfig mit Hühnern und mehr als hundert Tauben.
*Nabulsi-Käse (Jabneh Nabulsiyeh) ist ein traditioneller weißer Salzlakekäse, der aus Nablus im Westjordanland stammt.
Während wir in der Sonne saßen und Wassermelone mit Nabulsiyyeh*-Käse aßen, erzählte er mir lustige Geschichten und beantwortete all die Fragen, die sich über die Jahre in mir angesammelt hatten. Seine Antworten auf alberne Fragen wie „Warum trägst du einen Tarboosh?“ und „Was ist das für ein Zeug, an dem du schnupfst und von dem du ständig niesen musst?“ fesselten mich ebenso wie die Antworten auf die ernsteren: „Warum habt ihr Katamon verlassen?“ und „Warum hast du nicht gegen die Yahood (die Juden) gekämpft, als sie euch euer Haus nahmen?“ Den ganzen Nachmittag hing ich gebannt an seinen Lippen.
Er erzählte mir von dem Bombenanschlag, bei dem das Samiramis-Hotel unweit ihres Hauses in Katamon zerstört worden war, und davon, wie der von Menachem Begin* geplante Anschlag auf das King David Hotel nahe dem Büro meines Onkels Michel die Gemeinde in Angst versetzt und viele Bewohner Katamons zur Flucht aus ihren Häusern veranlasst hatte. Ich musste lachen, als er beschrieb, wie ihm eines Morgens auf Befehl von Haj Amin al-Husseini, dem Mufti von Palästina, eine Ladung altertümlicher Gewehre und Munition gebracht wurde – auf fünf Eseln –, die er unter den Männern der Gemeinde verteilen sollte, während die Yahood bereits mit Panzern und Kanonen durch die Straßen zogen. Ich weinte, als er mir vom Massaker im Dorf Deir Yassin erzählte.
Ein rascher Themenwechsel zur Kunst des Taubenfliegens brachte mich wieder zum Lächeln. Bevor wir uns auf den Heimweg machten, gab er mir noch eine beeindruckende Vorführung: Er ließ sämtliche Tauben frei, brachte sie dazu, in einem Kreis über uns zu fliegen, und lotste sie anschließend zurück in den Käfig – allein mithilfe eines schwarzen Tuchs, das am Ende eines langen Stocks befestigt war. Was er mir verschwieg: Das Manöver sollte fremde Tauben dazu verleiten, sich dem Schwarm anzuschließen und ihm bis in den Käfig zu folgen, damit Onkel Mitri sie später den Gästen servieren konnte.
*Menachem Begin war von 1977 bis 1983 israelischer Ministerpräsident und war zudem Israels Außen- und Verteidigungsminister. Begin war eine führende Persönlichkeit des revisionistischen Zionismus.
Als wir an diesem Abend nach Hause zurückkehrten und mein Großvater im Wohnzimmer die Füße auf einen Stuhl gelegt hatte, bat Tata mich, bei den Nachbarn eine Schüssel Reis auszuleihen. Unterwegs begegnete ich einem anderen Nachbarn, der mich fragte: „Wohin des Weges, mein Junge?“ Ich erzählte ihm von meinem Auftrag, worauf er wissen wollte: „Warum? Was ist denn bei beit al-Mukhtar (dem Haus des Mukhtar) los?“ Ich zuckte nur mit den Schultern und ging weiter.
Vermutlich erzählte er es einem Nachbarn, der es einem weiteren erzählte, und ehe ich mich versah, strömten mehr als zwanzig Verwandte und Freunde ins Haus meiner Großeltern. Sofort eilten meine Großmutter und ein gutes Dutzend Frauen in die Küche, um ein Festmahl für die Gäste zuzubereiten.
Was dann folgte, übertraf alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Wie aus dem Nichts tauchten Musikinstrumente auf, und plötzlich schien die Poesie den ganzen Abend zu beherrschen. Während die Männer im Wohnzimmer sangen und musizierten, tanzten die Frauen in der Küche, und die Kinder liefen unablässig zwischen beiden Räumen hin und her. Zwischen den Soli auf der Oud (einer bundlosen Laute), der Qanun (einer kastenzitherähnlichen Zither) und der Nay (einer Rohrflöte), die immer wieder bewundernde Seufzer hervorriefen, sang der Sänger ergreifende Mawwals (frei improvisierte Gesänge im Dialekt) und dichtete zu bekannten Melodien neue Texte. Viele der Rhythmen kamen mir bekannt vor – es waren dieselben, die der Saftverkäufer gespielt hatte. Man drückte mir ein Tamburin in die Hand und forderte mich auf mitzuspielen.
Die Musik verstummte erst, als Tata alle an den Esstisch rief. Und was für ein Tisch das war! Es gab Kefta und Kabab, Hashwet Jaaj (Huhn mit Reis und Pinienkernen) und Koosa Mahshi (gefüllte Zucchini) sowie unzählige Meze: Hummus (Kichererbsenmus), Babaghannoush (Auberginenmus), gefüllte Weinblätter, glänzende schwarze Oliven, geflochtenen weißen Käse, knackiges Gemüse, pralle Nüsse und saftige Früchte. Es war wie ein Wunder. Wo kam das alles nur her?, fragte ich mich.
Nachdem wir uns, wie meine Mutter immer sagte, „bis zum Kinn vollgegessen“ hatten, kehrten wir ins Wohnzimmer zurück, und die Musik begann von Neuem. Diesmal tanzten Männer und Frauen gemeinsam zu den sanften, beinahe hypnotischen Kompositionen von Zakaria Ahmad und Sayyid Darweesh, Mohammad Abd el-Wahab und Fareed el-Atrash. Und ich, erschöpft von allem, was dieser Tag mir geschenkt hatte, schlief schließlich auf dem Schoß meines Großvaters ein.
Sehr früh am nächsten Morgen hatten sich Familie und Freunde bereits am Eingang des Klosters versammelt, um sich von uns zu verabschieden. Wir stiegen in den Service, das Sammeltaxi, das uns nach Amman und von dort weiter nach Beirut brachte. Aus dem Autofenster winkte ich meiner tränenüberströmten Tata und Sido zum Abschied zu und rief dem bärtigen Mönch mit den fast fußlangen Schlüsseln ein fröhliches „Kalimera!“ zu.
Es war das letzte Mal, dass ich meine Großeltern sah.
Es war das letzte Mal, dass ich Jerusalem sah.
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