Die Topografie des Verdrängten

Navigation

Die Topografie des Verdrängten

Was erzählt Müll über unsere Welt? Eine Dortmunder Ausstellung beleuchtet die globalen Wege des Abfalls und die Zusammenhänge von Wirtschaft, Verwertung sowie deren Folgen für Mensch und Umwelt
Foto Ausstellung "Müll"
Bildunterschrift
Akwasi Bediako Afrane, „TC-2000“ (Visualisierung), 2025
Katalog Ausstellung Müll

Museum Ostwall im Dortmunder U | Waste. A Reader About the Global Routes of Rubbish | Spector Books | 166 Seiten | 22 EUR

Warenströme enden nicht an der Ladenkasse. Sie fließen weiter, unsichtbar für die Konsumgesellschaften des Westens, und lagern sich als toxisches Sediment andernorts ab. Wer das Museum Ostwall im Ausstellungsgebäude Dortmunder U betritt, wird mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert, dass unser Wohlstand auf einer Geografie der Verdrängung beruht. Die aktuelle Ausstellung „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ verknüpft historische Positionen seit den 1960er-Jahren mit zeitgenössischer Kunst und blickt dorthin, wo das System des ewigen Konsums seine hässlichsten Spuren hinterlässt. Rund 50 internationale Kunstwerke beleuchten die sozialen, ökologischen und politischen Dimensionen des Unrats. Besonders stark ist die Schau dort, wo sie die kolonialen Kontinuitäten der westlichen Wegwerfkultur offenlegt. Die künstlerischen Positionen aus dem Globalen Süden brechen die eurozentrische Perspektive radikal auf und zeigen Müll nicht als abstraktes Umweltproblem, sondern als reale, ökonomische Abhängigkeit.

Akwasi Bediako Afrane, "TC-2000" (2026), Installation

In ihrer Videoarbeit Brown Goods folgt die Künstlerin Karimah Ashadu dem informellen, oft lebensgefährlichen Kreislauf gebrauchter europäischer Elektrogeräte in Westafrika und macht die Menschen sichtbar, die unter prekären Bedingungen das recyceln, was der Norden aussondert. Dem gegenüber steht Akwasi Bediako Afranes eigens für die Schau entwickelte Auftragsarbeit TC-2000, eine afrofuturistische Science-Fiction-Stadt, die komplett aus Dortmunder Elektroschrott gebaut wurde. Durchzogen von blinkenden Bildschimen und Modellbahnen transformiert Afrane den technologischen Abfall in eine utopische Erzählung über Resilienz. Während Ana Alenso in ihrer raumgreifenden multimediale Installation Obsolete Swing die toxischen Prozesse der Rohstoffgewinnung und Entsorgung im Elektroniksektor zu einer beklemmenden Landschaft des Anthropozäns verdichtet, führt Kader Attia die politische Dimension des Mülls auf fundamentale Weise vor Augen: Seine beunruhigende Installation Los de arriba y los de abajo lässt die Besucher unter einem Gittergang hergehen, auf dem sich realer Schrott türmt – eine Arbeit, die jene Netze in Hebron referenziert, mit denen sich die palästinensische Bevölkerung vor dem Unrat höher gelegener Siedlungen schützt. Müll erscheint hier als ultimatives Machtinstrument gesellschaftlicher Hierarchien.

Ana Alenso, "Obsolete Swing" (2026), Installation

Begleitend zur Ausstellung ist im Leipziger Verlag Spector Books der zweisprachige Reader „Müll. Ein Reader über die globalen Wege des Abfalls“ erschienen. Er vertieft die Themen der Ausstellung mit interdisziplinären Beiträgen von Wissenschaftler*innen und Kunstschaffenden, Best-Practice-Beispiele sowie eine Reflexion der Projekts und ihres Erarbeitungsprozesses mit den critical friends der Ausstellung. Zu den herausragenden Textbeiträgen zählt der Essay der südafrikanischen Kulturwissenschaftlerin und Science-Fiction-Autorin Nedine Moonsamy besonders hervor. Ihr Text korrespondiert meisterhaft mit den ausgestellten Werken. Moonsamy dekonstruiert das westliche Konzept von Müll als absolutem Endpunkt. Sie argumentiert, dass die Definition von Abfall untrennbar mit kolonialer Macht verbunden ist: Was im globalen Norden als wertlos deklariert wird, kommt im globalen Süden als toxische Last an, zwingt die Menschen vor Ort jedoch zu einer hyper-kreativen, oft überlebensnotwendigen Praxis der Reanimation von Objekten. Moonsamy zeigt auf, dass das Leben mit und im Müll kein rein dystopisches Endzeitszenario sein muss, sondern dass sich in den Zwischenräumen der Deponien neue Formen des subversiven Wirtschaftens und des Widerstands entwickeln. Müll wird bei Moonsamy zu einem Archiv der Globalisierung – und zu einem Material, aus dem im globalen Süden bereits die Zukunft gebaut wird, während der Norden noch verzweifelt versucht, seine Vergangenheit zu vergraben.

Kader Attia "Los de arriba y los de abajo" (2015)

"Seit die Industrieländer des Globalen Nordens sich mit den Konsequenzen des exzessiven Konsumverhaltens herumschlagen, müssen sie sich auch mit den wachsenden Problemen von Abfallentsorgung und Recyclingmaßnahmen auseinandersetzen. Viele Länder packen das Müllproblem innerhalb ihrer eigenen Grenzen nur sehr widerwillig an, stattdessen beuten sie die kaum regulierten Abläufe der Abfallwirtschaft im Globalen Süden aus. "

Das Dortmunder U beweist mit dieser Ausstellung Mut zur Lücke – der Lücke, die das westliche Konsumsystem im globalen Bewusstsein hinterlässt. Müll ist nicht das Ende der Kette, sondern der Anfang einer zutiefst ungleichen globalen Erzählung.

+++
28. März – 26. Juli 2026
Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls
Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund


Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann unterstützen Sie doch bitte unsere Arbeit einmalig oder monatlich über eins unserer Abonnements. Wir würden uns freuen! 
Wollen Sie keinen Text mehr auf Literatur.Review verpassen? Dann melden Sie sich kostenlos für unseren Newsletter an!